Eine Frage der Repräsentation.

Diego Velázquez‘ Las Meninas (1656): Interpretationen und Variationen

Gemälde von Diego Velázquez: Las Meninas

Diego Rodríguez de Silva y Velázquez: Las Meninas
Diego Velázquez, 1656
Öl auf Leinwand
318 × 276 cm
Museo del Prado

Das Gemälde Las Meninas (Madrid, Prado) gilt als der Höhepunkt der Malerei von Diego Velázquez. Der Maler stellt sich selbst dar, wie er gerade Philipp IV. und dessen Frau Marianna porträtiert. Beide sieht man nicht direkt, sie halten sich außerhalb des dargestellten Bildraums an der Stelle auf, die der Betrachter des Bildes einnehmen muss. Sie können nur mit Hilfe eines im Hintergrund wiedergegebenen Spiegels identifiziert werden. Das Bild hat eine Vielzahl sich zum Teil widersprechender Interpretationen ausgelöst. In einem sind sich die Interpreten aber einig: Bei dem Gemälde handelt es sich um eine Selbstreflektion bildlicher Darstellung. Dies mag der Grund sein, warum es immer wieder von berühmten Malern als Ausgangspunkt für eigene Bilder gedient hat. Zu nennen wären Goya (1778), Courbet (1855), Degas (1858), Manet (1860), Picasso (1957), Dali (1960), Hamilton (1973).

Berühmt geworden ist Michel Foucaults dichte Beschreibung des Bildes als Einleitung zu einem seiner Hauptwerke Die Ordnung der Dinge. Gegenstand des Buches sind die dem Wissen historisch jeweils zugrunde liegenden Paradigmen, die er Episteme nennt. Im klassischen Zeitalter ist es das Repräsentationsmodell, das das Prinzip der Ähnlichkeit ablöst und das Wissen klar und deutlich auf einer Tafel, einem Bild, darstellt. Die strukturelle Begrenztheit der Repräsentation verdeutlicht Foucault durch seine Interpretation der Las Meninas. Hier sind die verschiedenen Elemente der Repräsentation abgebildet. Für Foucault lässt sich die klassische Episteme verdeutlichen durch das, was in dieser Zeit in ein Bild eingehen kann und was nicht. Weil die menschliche Tätigkeit des Erstellens eines Tableaus oder eines Bildes nicht dargestellt werden kann, verschiebt sich zwar die Sichtbarkeit des Ähnlichen zur Sichtbarkeit der Repräsentation, aber noch nicht zum reflexiven Betrachter, des Schöpfers der Repräsentation. Nur dadurch, dass der Maler neben dem Bild steht, an dem er gerade arbeitet, können wir ihn sehen. Wenn er wieder vor die Leinwand tritt, um weiter zu malen, wird er unseren Blicken entzogen sein: Als könnte der Maler nicht gleichzeitig auf dem Bild, das ihn darstellt, gesehen werden, und seinerseits dasjenige sehen, auf dem er gerade etwas darstellen will. Er herrscht an der Grenze dieser beiden unvereinbaren Sichtbarkeiten (Ordnung der Dinge, Seite 31).

Durch seine selbstreflexive Struktur – das Malen eines Bildes wird ja selbst zum Thema gemacht – zeigt es die Repräsentation der Repräsentation und ihre Grenze. Alle Elemente der Repräsentation sind auf dem Bild versammelt, allerdings aufgeteilt auf verschiedene Personen. Wir sehen im Mittelgrund den Maler während einer Malpause als den Produzenten der Repräsentation. In einem Spiegel im Hintergrund sind die Objekte der Repräsentation zu sehen – das Königspaar. Auch die Funktion des Betrachters ist im Bild dargestellt: Im Bildhintergrund im Rahmen der zu einer Treppe sich öffnenden Tür, steht der Hofmarschall der Königin, der die Szene betrachtet. Zudem sehen wir uns selbst als Betrachter von der Hofgesellschaft betrachtet. All diese Elemente verweisen auf einen Punkt, der sich außerhalb des Bildraums befindet. Dieser ideale, wohl definierte Punkt ist die Bedingung der Möglichkeit dieser Art der Darstellung. Die Genealogie dieses Punktes ist in der Entwicklung der Zentralperspektive verankert, die weder natürlich noch voraussetzungslos ist. Auf ihm treffen sich die im Bild getrennten oder nicht darstellbaren Funktionen der Repräsentation: Der Maler, das Königspaar, die Betrachter_Innen. An diesem überdeterminierten Platz erscheint (…) der Mensch (als die neue Episteme R.S.) mit seiner nicht eindeutigen Position als Objekt für ein Wissen und als Subjekt, das erkennt. Unterworfener Souverän, betrachteter Betrachter, taucht er dort an jener Stelle des Königs auf, die ihm im Voraus die Hoffräulein zuwiesen… (Ordnung der Dinge, Seite 377).

Martin Holzschuh: Variationen von Velázquez‘ Las Meninas

 

Meine Arbeit Perspektive und Repräsentation. Untersuchungen zum Bildbegriff im Anschluss an Michel Foucault (Frankfurt 1994) war Ausgangspunkt der Zusammenarbeit mit dem Frankfurter Maler Martin Holzschuh, der in der vorliegenden Broschüre einige Ergebnisse seiner malerischen Auseinandersetzung mit den Las Meninas versammelt hat. Sie sind Gegenstand unserer Werkstattgespräche.

Geplant ist darüber hinaus eine Auseinandersetzung mit Manet und Picasso. Über beide hat auch Michel Foucault geschrieben. Auch die Möglichkeit eines dekonstruktivistischen Umgangs mit dem Bild, wie es die Gruppe Equipo Crónica aus Valenzia in den frühen siebziger Jahren vorgemacht hat, werden wir diskutieren.

Rudolf Sievers

 

 

Literatur:

Michel Foucault: Die Ordnung der Dinge. Frankfurt 1974

Caroline Kesser: Las Meninas von Velázquez. Eine Wirkungs- und Rezeptionsgeschichte. Berlin 1994

Rudolf Sievers: Die Schatten der Körper des Königs. In: Hans Belting, Dietmar Kamper, Martin Schulz (Hrsg): Quel Corps? München 2002, Seite 151 ff.